von Brünn (Tschechien) nach Urnshausen

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Der Weg: Ich war mal bei einer Wahrsagerin, die mir prophezeite, einen ausländischen Mann zu heiraten. Und tatsächlich: Die Liebe hat mich nach Deutschland gebracht – auch wenn ich das Land und seine Sprache bereits kannte. Ich habe in Tschechien auf dem Gymnasium und bei meinem Germanistik-Studium Deutsch gelernt und in jungen Jahren als Au-pair in Berlin und Düsseldorf gearbeitet. Während eines Semesterferienjobs als Kinderbetreuerin in Bayern habe ich meinen Mann kennengelernt, der dort als Sozialpädagoge arbeitete. Seitdem sind wir zusammen. Nach vier Jahren Fernbeziehung habe ich 2005, mit 21 Jahren, meine tschechische Heimat verlassen und kam zu ihm in den Wartburgkreis.
Das neue Leben: Herzukommen war wie eine Wiedergeburt: Ich habe alles hinter mir gelassen, was mich 20 Jahre lang geprägt hat – Freunde und Familie, das soziale Umfeld, die Mentalität. Das war schwierig. Mein Mann war und ist eine wichtige Stütze für mich und hat mir Halt gegeben. Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich nicht hiergeblieben. Dennoch habe ich mich damals auf Deutschland gefreut. Ich bin ein extrovertierter Typ, wollte schon immer gern raus von zu Hause. Es hat mich immer gereizt, Neues und anderes zu sehen. Meine Eltern haben das akzeptiert. Und sie wussten schließlich, wo ich hingehe, hatten Vertrauen in mich und schließlich auch ein gutes Verhältnis zu meinem Mann.
Familie: Meine gesamte Familie ist in Tschechien geblieben: Eltern, die Schwester, Cousins. Hier in Deutschland zu sein und sie nicht umarmen zu können, war schwer. Wir haben uns früher Briefe geschrieben und ab und zu telefoniert. Die Kommunikation war nicht so modern, wie wir es heute mit Videoanrufen gewohnt sind. Deshalb besuchten wir uns auch regelmäßig etwa alle drei Monate, um Kontakt zu halten. Interessanterweise habe ich erst durch die Corona-Pandemie und die deshalb geschlossenen Grenzen gemerkt, wie wahnsinnig lieb ich meine Familie habe. Anderthalb Jahre konnten wir uns nicht treffen, weil das Reisen eingeschränkt wurde. Das hat einiges in mir ausgelöst.
Deutschland: Bis zur Corona-Pandemie habe ich mich durchaus als Teil von Deutschland verstanden. Doch in deren Folge ist mir klar geworden, dass viele Menschen hier doch ein etwas anderes Verständnis von manchen Dingen haben. Damit meine ich vor allem Regelhaftigkeit und das strikte Befolgen von Vorgaben. Da bin ich wenig „deutsch“.
Heimat: Heimat ist für mich da, wo meine Familie ist. Meine Tochter ist jetzt zehn Jahre alt, sie wächst zweisprachig auf, versteht sich eher als Deutsche. Und wenn wir von einer Reise nach Deutschland zurückkommen, freue ich mich immer wieder, hier zu sein. Wenn ich mich aber zwischen beiden Ländern entscheiden müsste, würde mein Herz wohl eher Tschechien sagen. Dort also, wo meine Wurzeln sind. Ich könnte mir sogar vorstellen, wieder nach Tschechien zu ziehen – irgendwann, wenn meine Tochter einmal ihre eigenen Wege geht und ich pensioniert bin. Bis dahin besuchen wir die Familie in Tschechien, so oft es geht, und bewahren uns die Kultur. Ich schaue gern alte Filme oder Serien von dort. Wir essen Knödel – und zu Weihnachten gibt es Kartoffelsalat und Karpfen. Das hat Tradition.
Fremdsein: Früher habe ich mich manchmal fremd in Deutschland gefühlt, heute ist das nicht mehr so. Mein Mädchenname zeigt beispielhaft die Tragik des Ganzen: Ich hatte ihn nach der Hochzeit zunächst behalten, er klingt deutlich slawisch und ist Teil unserer Familientradition. Aber wenn ich in Deutschland telefoniert und dabei den Nachnamen gesagt habe, fing mein Gegenüber plötzlich an, langsamer und anders zu sprechen. Obwohl ich selbstverständlich alles verstanden habe. Das hat mir das Gefühl gegeben, nicht angenommen zu werden, nicht dazuzugehören und auch nicht alles gesagt zu bekommen. Außerdem war ich genervt davon, dass ich den Nachnamen immer wieder buchstabieren musste. Schließlich habe ich ihn abgelegt und so mit der Familientradition gebrochen.
Chancen: Eine der schönsten Erfahrungen in Deutschland war die Geburt meiner Tochter. Davon abgesehen bin ich grundsätzlich froh, dass in meinem Leben bisher immer alles gut gelaufen ist. Insgesamt stimmt alles, ich habe stets Anerkennung bekommen und durch Fleiß und Genauigkeit viel erreicht. Denn Chancen kommen hier nicht einfach so; man muss sie sich nehmen und sich bemühen. Freunde und Kollegen schätzen mich, das ist sehr bedeutungsvoll für mich. Es ist etwas, das man im Alltag heute oft gar nicht mehr so richtig wahrnimmt. Im Rückblick aber ist das schon besonders. Ich bin ein ziemlicher Glückspilz, denke ich.

Alexandra Hollenbach (40) aus Urnshausen ist Grundschullehrerin. Sie hat in ihrem Heimatort Brünn Deutsch studiert und sich mit 21 Jahren entschlossen, zu ihrem Ehemann nach Deutschland zu ziehen. Sie tanzt, liest und putzt gerne und reist regelmäßig zu den Eltern ins Nachbarland.
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