Der Krieg: Am 23. Februar feierte ich noch mit Freunden und Familie zusammen meinen Geburtstag. Am nächsten Morgen um 5 Uhr hörten wir Sirenen, und der Krieg ging los. Wir verließen die Stadt und fuhren zu den Eltern aufs Land. Dort war es genauso schlimm – russisches Militär war unterwegs, es fielen immer wieder Schüsse. Viele Flugzeuge kreuzten die Region und warfen Bomben ab. Unser Nachbar wurde getötet, wir mussten in den Bunker. Manchmal den ganzen Tag über. Das war kaum auszuhalten. Als wir an einem Tag wieder aus dem Untergrund kamen, war eine Rakete direkt in unserer Straße eingeschlagen und hatte Häuser zerstört – nur 50 Meter von dem meiner Eltern entfernt. Dieser Schock ist unbeschreiblich gewesen. Meine Schwester und ich kehrten wieder zurück in die Stadt, wo auch gekämpft wurde. Bald hatte die ukrainische Armee die russischen Angreifer verdrängt. Doch es blieb gefährlich draußen. In den Straßen standen Panzer. So etwas kannte ich bis dahin nur aus dem Museum und Geschichtsbüchern. Ich hätte nie gedacht, dass es tatsächlich zum Krieg kommt. Selbstverständlich haben wir zuvor die Nachrichten verfolgt; Menschen haben geraten, wichtige Dokumente und ein paar Klamotten zu packen und bereit zu haben. Doch wir leben im 21. Jahrhundert – tatsächlich Krieg? Das war eigentlich unvorstellbar.
Die Flucht: Meine Schwester, unsere Mutter und ich sind gemeinsam aufgebrochen. Es war nicht einfach, wegzukommen. Der Bahnhof in Mykolaiv war zerstört. Deshalb wollten wir per Bus los nach Moldawien zu Bekannten. Wir kamen nur bis Odessa. Von dort ging es wieder in die andere Richtung nach Lemberg im Westen – in ständiger Angst, denn es ist gefährlich, auf den Straßen der umkämpften Gebiete unterwegs zu sein. Wir wollten nach Westen. Dorthin, wo nicht gekämpft wird. Dann erreichten wir Polen, kamen in ein Auffanglager und konnten dann weiter nach Berlin. Dort wussten wir nicht, was wir tun sollten. Freunde von uns haben uns schließlich auf den kleinen Rhönort Oechsen gebracht, den sie kannten.
Deutschland: Es leben bereits mehrere aus der Ukraine geflohene Menschen in Oechsen, vielleicht zwei Dutzend. Am 11. März kamen wir an und hatten anfangs große Angst. Doch wir fühlten und fühlen uns hier sicher, und das ist wichtig. Wir haben sehr gute, hilfsbereite und freundliche Leute getroffen – besonders unsere Gastgeber. Es ist unglaublich und ich habe keine Ahnung, warum und wie sie das tun. Sie haben uns geholfen, Arbeit zu finden. Sie haben versucht, uns zu verstehen, trotz Sprachbarriere. Es ist harte Arbeit, doch inzwischen lernen wir sogar voneinander. Und wir kochen zusammen, am liebsten ukrainisches Essen, oder wandern und haben auch schon Kirchenkonzerte besucht zur Unterstützung der Menschen in der Ukraine. Das war sehr berührend. Wenn ich die Sachen auf Deutsch manchmal nicht verstehe, fühle ich mich durchaus fremd. Beim Busfahren etwa hier auf dem Land: falsche Zeit, falsche Haltestelle – nicht immer klappt es. Und dann wartet man ewig umsonst. Das kannte ich bisher nicht. In meiner Heimatstadt leben eine halbe Million Menschen, Busse fahren dort eigentlich jederzeit. Am schwierigsten ist die Situation für unsere Mutter. Sie ist eine alte Frau, versteht weder Englisch noch Deutsch und kann sich im Alltag überhaupt nicht verständigen. Das ist – neben all ihren großen Sorgen um das Zuhause in der Ukraine – wohl das Schlimmste und eine unerträgliche Situation für sie. Aber: Mutter ist Optimistin. Und tatsächlich hat sie hier im Ort eine Frau getroffen, die Russisch spricht. Zumindest mit ihr kann sie sich unterhalten.
Heimat: Wir verfolgen am Morgen zuerst die neuesten Nachrichten aus der Ukraine. So fängt jeder Tag an. Unser Vater ist in unserem Heimatdorf geblieben – er wollte das Haus nicht verlassen. Wir machen uns riesige Sorgen um ihn und rufen jeden Tag an. Manchmal klappt die Verbindung, manchmal nicht. Mit den anderen Ukrainern hier in Oechsen treffen wir uns ab und zu, lernen Deutsch, reden miteinander. Außerdem gibt es viel Bürokratie zu bewältigen, seit wir hier sind. Wir möchten wieder zurück nach Hause, aber es ist unmöglich zurzeit. Mykolaiv wird heftig bombardiert. Doch die Hoffnung bleibt, wir wissen, dass die Ukraine am Ende im Krieg siegen wird. Einen anderen Weg gibt es nicht. Denn die Ukraine, das ist unsere Heimat. Der Ort, an dem man sich wohlfühlt, wo die Familie und Freunde sind. Wo man leben möchte und eine Zukunft sieht.
Hanna Yakymchuk (37) und ihre Schwester Tanja sind Journalistinnen. Nach Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine flohen beide gemeinsam mit ihrer Mutter Sasha. Sie arbeiten hier inzwischen als Lehrerinnen für ukrainische Kinder, verfolgen das Geschehen in der Ukraine weiter und berichten in einem Online-Magazin darüber. Beide sind sicher, dass sie zurückkehren werden und der Krieg endet. Die Frage ist nur: Wann?