Der Weg: Mit 20 Jahren bin ich aus meiner Heimat Syrien geflohen und im September 2015 in Deutschland angekommen. Der Weg hierher war schwierig. Körperlich, aber vor allem seelisch. Von der Hauptstadt Damaskus fuhr ich mit dem Bus an die Grenze zur Türkei. Es gab einen Wald mit einem großen Graben, der die Grenze markierte. Wir haben gehört, dass die Soldaten dort auf Flüchtlinge schießen würden. Also rennen und es entweder schaffen – oder tot sein. Zwei Kilometer weit. Das war hart. Aber ich habe es geschafft. In der Türkei angekommen, mussten wir uns vor der Polizei verstecken. Zwei Tage im September, es war schon sehr kalt. Dann ging es per Boot aufs Meer nach Griechenland. Und weiter über Land: Albanien, Nordmazedonien, Serbien. Für die Schleuser waren wir lediglich Geldbeträge, keine Menschen. Ein Flüchtling gleich 1000 Euro. Manchmal 2000. Dann Ungarn. Dort war die Polizei besonders brutal und die Angst groß. Ich habe nie gedacht, dass ich im Leben einmal auf der Straße an einem Bahnhof schlafen müsste. In Budapest war es so weit. Tausende Flüchtlinge kampierten dort wie ich, aßen und wuschen sich in aller Öffentlichkeit. Auf der oberen Etage des Bahnhofsgebäudes schlenderten die Passagiere vorbei und schauten auf die Flüchtlinge herab. Das war schlimm, diese Woche hat mich kaputtgemacht. Dann fuhr der Zug nach Deutschland. Ich bin hier angekommen und war sehr, sehr müde.
Deutschland: Wenn man etwas will und dafür etwas tut, schafft man alles. Das habe ich in Deutschland erfahren. Ich habe als Verkäufer in einem Elektrofachgeschäft gearbeitet – nach sechs Monaten im Land, ohne einen Sprachkurs absolviert zu haben. Ich habe selbstständig gelernt. Und mich dann auf einen Ausbildungsplatz als Verwaltungsfachangestellter bei der Kreisstadt beworben. Einfach war das nicht, aber ich bin stolz darauf, dass es geklappt hat. Hier habe ich viel mit Gesetzen und Menschen zu tun. Das ist herausfordernd, aber gut. Wie ich darauf gekommen bin? Als Flüchtling in Deutschland angekommen, war ich ständig mit Gesetzen konfrontiert. Immer ging es um Recht, und ich habe nichts verstanden. Da dachte ich: Warum nicht mit so etwas arbeiten und es dadurch lernen. Ich liebe Deutschland und sehe meine Zukunft hier.
Heimat: Es ist kompliziert. Ich bin Palästinenser und deshalb sozusagen bereits als Flüchtling auf die Welt gekommen. Geboren wurde ich in Syrien. Also dort, wohin mein Großvater 1948 nach dem Krieg von Palästina aus flüchten musste. Eine offizielle syrische Staatsangehörigkeit hat niemand in der Familie je bekommen – also auch ich nicht. Ich bin demnach zwar Syrer, weil ich in dem Land aufgewachsen bin mit all meinen Kindheits- und Jugenderinnerungen und meine Freunde noch heute dort leben. Doch Palästina ist die Heimat in meinem Herzen. Auch wenn ich dieses Land tatsächlich nie gesehen habe.
Der Krieg: Ich habe Syrien wegen des Bürgerkriegs verlassen. Viele Menschen dort haben durch ihn ihre Würde verloren. Armeeangehörige wollen das Leben bestimmen, gängeln die Menschen. Neben meinem Studium habe ich als Elektriker an Telefonanlagen gearbeitet und musste dafür durchs ganze Land fahren. Als ich einmal spätabends von einer Reise zurückkam, waren Soldaten in unserem Haus und schlugen mich. Weil sie mich wohl für verdächtig hielten. Da sagte ich mir: Nein, das geht nicht mehr. Meine Eltern haben mir vertraut. Sie haben nicht gesagt: Bleib hier. Es war im August 2015. Ich wollte einfach nur weg und sicher sein. Egal, wo. Freunde von mir waren bereits in Deutschland. Deshalb habe ich mich entschieden, dorthin – nach Mitteleuropa – zu gehen. Syrien ist ein schönes Land. Leider ist es zerstört. Ich könnte jetzt nicht zurückgehen. Und das macht mich sehr traurig.
Herausforderungen: Anfangs war es hier sehr schwer, mit der deutschen Sprache zurechtzukommen. Kaum jemand kann oder will Englisch sprechen, Antworten kamen meist auf Deutsch, das war schwierig. Auch, weil ich als quasi Staatenloser während der Anfangszeit in der Flüchtlingsunterkunft zunächst keinen Sprachkurs bekam. Also habe ich selbst gelernt – jeden Abend unter der Lampe am Eingang unserer Unterkunft in Tiefenort – und so alle nötigen Kurse bestehen können. Darüber hinaus habe ich kaum schlechte Erfahrungen, etwa mit Diskriminierung, gemacht. Bei der Arbeit als Verkäufer spürte ich zwar ab und zu, dass Leute nicht gerne von mir bedient werden wollten. Doch damit konnte ich umgehen, weil ich hier in Deutschland angekommen war und glücklich bin. Aber: Wenn ich an meine Kindheit und Familie denke, fühle ich mich fremd hier. Weil ich allein bin.
Zukunft: Nur eine Woche in Deutschland hat mir gereicht, um zu wissen, dass die Flucht hierher die richtige Entscheidung war. Und inzwischen bin ich ein Teil von Deutschland, hier habe ich mein Leben wiedergefunden. Ausbildung, Arbeit, Führerschein und Ersparnisse – all das habe ich erreicht. Ich halte heute noch Kontakt zu meinen alten Freunden und Großeltern, die in Syrien geblieben sind. Wir telefonieren. Auch meine Schwester mit ihren zwei Kindern ist dort. In meinem Zuhause hier lebe ich die arabische Kultur: Ich habe Fotos von Syrien aufgehängt, koche arabisches Essen, höre Musik. Meine deutschen Arbeitskollegen mögen den Austausch – etwa, wenn ich ihnen Baklava, eine orientalische Süßigkeit, mitbringe. Ich bewahre meine eigene Kultur und gebe sie weiter. In Deutschland findet man von allem etwas. Ob indisch, arabisch, amerikanisch, asiatisch – viele sind da, selbst im Wartburgkreis. Und hier haben wir den Vorteil, dass Ausländer alle zusammen eine große Multikulti- Gruppe sind. Nicht wie in großen Städten, wo jede Kultur ihre eigenen Räume hat. Es wäre schön, wenn wir uns noch besser vernetzen und sichtbar sein könnten.
Amjd Hamzat ist 26 Jahre alt und wohnt in Kieselbach. Mittlerweile hat er die deutsche Staatsbürgerschaft und ist stolz darauf. Er spielt Fußball und reist gerne. In seiner alten Heimat
studierte er Wirtschaftswissenschaften. Seine Eltern sind ebenfalls vor Jahren vor dem Bürgerkrieg geflüchtet und leben heute in den Niederlanden. Dort besucht Amjd sie regelmäßig.