Familie: Die Geschichte meiner Familie ist wohl beispielhaft für die von vielen sogenannten Spätaussiedlern. Meine Vorfahren wurden vor Jahrhunderten als „Wolgadeutsche“ im Osten Europas angesiedelt, um Land zu erschließen. Die Menschen lebten lange Zeit in kleinen Siedlungen meist unter sich, sprachen selbstverständlich Deutsch. Meine Großmutter wurde auf der Halbinsel Krim geboren, auch sie sprach Deutsch und hatte einen deutschen Namen. Doch als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurden die Siedler weit weg nach Osten verbannt, meine Großmutter strandete in Kasachstan und heiratete mit 18 Jahren einen Mann von dort – meinen Opa.
Aufbruch: Bis ich zwölf Jahre alt war, lebte meine Familie in Kasachstan. Anfang der 2000er-Jahre beschlossen wir, nach Deutschland zu ziehen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Es gab kaum Perspektiven in der Heimat. Und nach der Wiedervereinigung hatten Familien mit deutschen Wurzeln die Möglichkeit, in die Bundesrepublik überzusiedeln. Meine Großmutter – nach dem Tod des Großvaters das Familienoberhaupt – stellte einen Antrag, musste eine Prüfung absolvieren, und anschließend ging es los. Viele Menschen in unserem kasachischen Heimatort hatten deutsche Wurzeln und sind in dieser Zeit nach Deutschland gegangen. Wir waren eine der letzten Familien. Weil wir zunächst abwarten wollten, was die anderen berichten, und sehen wollten, wie diese Kultur dort wohl zu uns passt. In Bad Salzungen wohnten bereits Bekannte von uns, weswegen wir dann direkt hierhergezogen sind.
Deutschland: Ich war ein Teenager, ging in Kasachstan zur Schule, hatte dort Freunde und ein gefestigtes soziales Umfeld. Für mich war es wohl mit am schwersten, in Deutschland neu anzufangen. Und als wir hier ankamen, gab es auch gleich die ersten Probleme: Ich konnte kein Deutsch, bis auf wenige Worte Platt, die mir meine Oma beigebracht hatte. Ich verstand in Deutschland anfangs also kaum etwas, wurde deswegen gehänselt und beleidigt. Wobei mich das wiederum motiviert hat, schnell die neue Sprache zu lernen. Ein paar Monate war es wirklich hart, ich wollte zurück und war traurig. Doch dann fand ich Anschluss, auch bei anderen Spätaussiedlern. Nach einem Jahr konnte ich dann gut Deutsch und verstehen, was um mich herum geschah. Ich fühlte mich integriert.
Unterschiede: Inzwischen habe ich den Großteil meines Lebens in Deutschland verbracht. Das ist mir besonders klar geworden, als ich 16 Jahre nach unserem Wegzug erstmals wieder nach Kasachstan kam: Die Menschen dort haben mir angemerkt, dass ich in Europa groß geworden bin. Auch ich selbst merkte es daran, wie ich bestimmte Dinge erledige, dass ich disziplinierter bin, und an der Art und Weise, Konflikte zu lösen. In Kasachstan ist es leider immer noch so, dass zuerst gerne mal die Fäuste fliegen, bevor man ein Problem ausdiskutiert. Versucht man stattdessen, es auf die westeuropäische Art zuerst mit Gesprächen zu lösen, wird man komisch angeguckt. In jenen 16 Jahren hat sich in Kasachstan viel geändert. Es gibt dort durchaus wirtschaftlichen Fortschritt, die Städte entwickeln sich. Aber an Deutschland reicht das noch keineswegs heran. Wobei es auch umgekehrt Dinge in Kasachstan gibt, die besser sind als hier. Für mich war es grundsätzlich schön, wiederzukommen. Ich habe alte Schulkameraden wiedergetroffen, aber auch gemerkt: Von allen aus der alten Klasse geht es mir heute am besten. Ich denke dann, dass es wohl das Beste für mich war, dass Großmutter uns damals nach Deutschland gebracht hat. Meine Freunde in Kasachstan leben einfacher, verdienen weniger und haben schwierigere Lebensumstände. Ein neues Auto kaufen etwa, was in Deutschland oft nicht einmal mehr ein Statussymbol, sondern Normalität ist, ist für Durchschnittsbürger in Kasachstan nicht vorstellbar.
Familie und Heimat: Bei dieser Reise habe ich auch meine Ehefrau (wieder-)gefunden. Ich kannte sie noch aus Kindertagen. Und dann, nach langer Zeit wieder zurück in Kasachstan, traf ich sie zufällig wieder und verliebte mich sofort. Wir besuchten uns danach mehrmals gegenseitig, inzwischen lebt sie mit mir in Bad Salzungen, und wir erwarten unser zweites Baby. Ich habe in den vergangenen 20 Jahren in Bad Salzungen sehr viel mit Menschen aus der Sowjetunion zu tun gehabt, also Ukrainer, Russen oder Kirgisen als Freunde gehabt. Wir waren sehr oft unter uns – es ist also schwierig, heute zu sagen, wo genau eigentlich meine Heimat ist. Ich merke, dass ich in Kasachstan nicht mehr zu Hause bin, weil es dort nicht mehr das Leben ist, das ich gewohnt war. Aber selbst nach zwei Jahrzehnten hier fühlt sich Deutschland auch noch nicht wie meine Heimat an. Meine Heimat ist nicht hier und nicht dort. Ich bin irgendwo dazwischen, also ein Kasache ohne Heimat. Wobei: Meine Komfortzone ist klar hier in Deutschland, denn hier fühle ich mich wohl. Ich habe viele Freunde, kenne jede Ecke von Bad Salzungen. Gleichzeitig fällt es mir nicht schwer, die eigene Komfortzone zu verlassen, weil ich das durch meine Arbeit gewohnt bin. Ich bin dadurch oft unterwegs, manchmal monatelang. In den nunmehr acht Jahren hat mich das sogar zur Frage gebracht, ob ich auswandern möchte – vielleicht auch zurück nach Kasachstan.
Identität: Viele verschiedene Menschen mit deutschen Wurzeln, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von dort in die Bundesrepublik übersiedelten, werden als Russlanddeutsche bezeichnet. Ich sehe mich selbst nicht so. Zwar gehörte Kasachstan zur Sowjetunion. Aber für mich gilt: Mein Vater ist Kasache, ich wurde ebenfalls in Kasachstan geboren und sehe auch rein äußerlich wie die Menschen dort aus. Fragt man mich nach meiner Nationalität, sage ich also stolz, ich bin Kasache. Aber: Ich habe ebenso die deutsche Staatsbürgerschaft, habe hier meine berufliche Karriere begonnen und mir mein Leben aufgebaut. Mehr als zwei Drittel davon habe ich inzwischen hier verbracht. In meinem Beruf reise ich sehr viel, habe lange internationale Arbeitseinsätze und repräsentiere als Mitarbeiter meines Unternehmens Deutschland in der Welt.
Nikolaj Fedorenko (33) aus Bad Salzungen arbeitet seit acht Jahren als Supervisor bei einem Unternehmen, das Rodelbahnen und Wasserrutschen in aller Welt baut. Gerade war er geschäftlich in Litauen und Rumänien und sagt: „Wann immer ich die Gelegenheit habe, nutze ich die Einblicke in die anderen Kulturen“.