von Aleppo (Syrien) nach Tiefenort

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Heimat: Ich bin Kurde. Eigentlich habe ich also gar kein Heimatland. Denn einen kurdischen Staat gibt es nicht. Doch ich wurde in Syrien geboren und dieses Land ist so zu meiner Heimat geworden. Als der syrische Bürgerkrieg sich auf meine Heimatstadt Aleppo ausweitete, hat mein Vater gesagt: Du solltest nicht hierbleiben, es ist gefährlich. Das war es auch. Die vielen Kriegsparteien, Armeen und Milizen haben junge Männer rekrutiert, sie wollten auch mich einziehen. Ich wollte bei der Familie bleiben – doch mein Vater hat mich un- ter Tränen gedrängt, zu gehen. Er selbst brachte mich schließlich an die Grenze zum Nachbarland Türkei – es war der Sommer 2014. Mein Abschied aus Syrien.
Zwischendrin: Ich blieb ein Jahr in der Türkei und verdingte mich dort als Schneider, um zu überleben. Es gibt viele Werkstätten, Arbeitskräfte aus Syrien sind gern gesehen. Plötzlich war ich also in der Metropole Istanbul. Aber Menschen, die vorm Krieg geflohen sind, werden ausgenutzt. Man arbeitet viel, erhält nicht immer den Lohn. Drei Monate lang bekam ich nichts, obwohl ich für Essen und mein Zimmer zahlen musste. Ich war illegal in der Türkei, also mehr oder weniger ausgeliefert, und konnte nirgendwo Hilfe suchen. Also beschloss ich, weiterzuziehen. Nach Syrien konnte ich nicht zurück. Viele Bekannte, die in einer ähnlichen Lage waren, haben mir dann von Deutschland erzählt und gesagt, ich solle dorthin gehen.
Der Weg: Ich habe die sogenannte Westbalkanroute genommen, über Griechenland und Mazedonien bis nach Mitteleuropa. Per Boot, Zug und zu Fuß war ich zwei Wochen unterwegs. Erst beim dritten Mal klappte die Überfahrt nach Griechenland. Stundenlang trieben wir auf offener See. Über Land waren wir oft nachts unterwegs, es war furchterregend. Vor lauter Hunger haben wir unterwegs Äpfel von den Bäumen gepflückt. Für den Transport mussten wir viel Geld an Schlepper zahlen. Und wir wussten nie, wann es weitergeht und was mit uns passiert. Als ich in Deutschland ankam, hatte ich in meiner Tasche ein paar alte Schuhe, wenige Wechselklamotten und 50 Euro – mehr nicht. Ich träume noch heute angsterfüllt von dieser „Reise“.
Deutschland: Als ich in Tiefenort ankam mit anderen Flüchtlingen aus Somalia und Eritrea, haben uns die Leute vor Ort sehr geholfen. Das ist nicht selbstverständlich. Und das ist etwas ganz Besonderes an Deutschland und den Menschen hier: Sie unterstützen andere, die sie nicht mal kennen. Einfach so. Überhaupt finde ich es bemerkenswert, wie Solidarität in der Gesellschaft verankert ist, etwa bei der Krankenversicherung. Alle geben einen Beitrag und wenn ich eine teure Operation habe, kann diese dadurch bezahlt werden. So etwas – genauso wie Versicherungen, Haftpflicht und Kasko – kenne ich aus meiner alten Heimat gar nicht. Dieses System ist fair und gut. Andererseits: Es gibt viel Bürokratie und Papierkram hier. Dinge, mit denen manchmal nicht einmal Einheimische zurechtkommen, wie ich denke.
Bindung: Nachdem Khalil zunächst in einer Sammelunterkunft für Geflüchtete in Tiefenort untergekommen war, hat ihn später eine Familie aus dem Ort unter ihre Fittiche genommen. Claudia Kister, Mitarbeiterin des DRK Bad Salzungen, bot ihm an, in ihr Haus einzuziehen. Nachdem ihre eigenen Kinder ausgezogen waren, lebten nur noch sie und ihr Ehemann dort, es gab viel Platz. Claudia Kister sagt, sie habe ein schlechtes Gewissen gehabt, weil die Geflüchteten in ihrer Unterkunft wenig Raum gehabt hätten. Khalil stimmte zu, zog 2016 ein und seitdem hat die Tiefenorterin die Rolle der Ziehmutter übernommen: Sie übte Deutsch mit Khalil, half ihm bei der Arbeitssuche, mit Terminen und Dokumenten. 
Das Leben: Ich arbeite in einem Industriebetrieb in der Nähe. Wir stellen Teile für Autos und Lkw her. Die Arbeit ist gut, ich komme bestens mit meinen Kollegen klar. Das war schon von Beginn an so. Noch niemand in Deutschland hat mich wegen meiner Herkunft diskriminiert. Aber ich habe wie andere Flüchtlinge auch davon gehört, dass es Hass und Rechtsextremismus gibt. Aber ich kann selbst nichts Schlechtes berichten. Es gibt überall gute und üble Menschen. Die, die ich hier kennengelernt habe, sind alle freundlich und hilfsbereit. Das lässt mich in das Gute vertrauen.
Erfolge: Als Ziehmutter Claudia Kister Khalil zum ersten Mal in der Geflüchtetenunterkunft in Tiefenort traf, ist ihr aufgefallen, dass er nicht wie alle anderen mit seinem Mobiltelefon beschäftigt war. Dann verstand sie, dass Khalil Legastheniker ist. Er konnte seine Muttersprache, das Kurdisch-Arabische, weder lesen noch schreiben. Und das einzige deutsche Wort, das er anfangs kannte, war „hallo“. Dann lernte sie mit ihm, mit viel Ausdauer und Zeit. Und Khalil hat es geschafft: Er kann Deutsch inzwischen lesen und schreiben, hat die Sprachstufe B1 erlangt. Ein riesiger Erfolg für ihn. 
Träume: Ich habe meinen Führerschein gemacht und fahre jetzt ein kleines Auto. Noch dauert es, bis ich einen gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland bekommen kann. Ich habe deshalb noch keinen Pass, kann nicht reisen. Doch ich würde so gerne einmal in die Schweiz oder nach Dänemark, wo Verwandte von mir wohnen. Ich telefoniere einmal pro Woche mit meinen Eltern und Geschwistern in Syrien. Ich würde auch sie so gerne wiedersehen. Aber ich denke nicht, dass das geht. Ich kann nicht dorthin zurückkehren. Und meine Eltern können kaum die Stadt verlassen, in der sie leben, weil sie vom Militär belagert ist. Ich denke, es gibt keine Chance.

Ibrahim Khalil Dadou (34) wohnt in Tiefenort und ist Produktionsmitarbeiter in einem Industriebetrieb. In seiner Heimat Syrien wurde er als Schneider und Friseur ausgebildet, bevor er vor dem Bürgerkrieg floh. Hier in Deutschland engagiert er sich in seiner Freizeit beim  Katastrophenschutz des Deutschen roten Kreuzes.
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