Aufbruch und neue Heimat: Ich bin in den Wartburgkreis gekommen, um eine neue Familie zu gründen und Deutschland kennenzulernen. Zuerst kam ich regelmäßig zu Besuch zu meinem jetzigen Mann. 2015 schließlich bin ich hergezogen, und meine jüngste Tochter kam mit. Ich mochte Deutschland von Beginn an – es bietet Arbeit, ein gutes Klima und viele nette Menschen. Inzwischen bin ich genauso ein Teil von Deutschland wie von Thailand. Als meine Heimat würde ich nun aber Deutschland bezeichnen, denn Heimat bedeutet für mich, nicht allein zu sein. Ich bin wirklich angekommen und gern hier, habe meine neue Familie und einen wunderbaren Freundeskreis im Ort, der mich herzlich aufgenommen hat. Fremd fühle ich mich hier schon lange nicht mehr. Nur die Sprache zu lernen fällt schwer.
Alte Heimat: Meine Mutter und meine andere, bereits erwachsene Tochter leben beide noch in Thailand. Wir halten regelmäßig Kontakt und telefonieren. Und wenn es möglich ist, fliegen wir einmal im Jahr hin. Ich bringe dann viele Sachen aus Thailand mit zurück, weil mir meine Kultur wichtig ist – ob es Lebensmittel sind, die wir hier zum Kochen verwenden, oder Kleidung, die ich zu besonderen Anlässen trage. Genauso kaufen wir in Thai-Geschäften in Deutschland ein. Auch dadurch habe ich einen weiteren Freundeskreis erschlossen: Thailänder, die wie ich hierher migriert sind. Mit ihnen treffe ich mich ab und zu. In Deutschland schaue ich zudem Thai-Serien oder Filme. Außerdem pflege ich einen Brauch aus der alten Heimat: Im Oktober faste ich und verzichte auf Fleisch. Ein wichtiges Ritual der südostasiatischen Kultur.
Unterschiede: Sehr bemerkenswert ist für mich das Wetter. In Deutschland ist es im Winter zwar extrem kalt. Aber im Sommer ist es angenehm – während der Sommer in Thailand sehr heiß und für meine Gesundheit herausfordernd ist. Früher habe ich in der alten Heimat vor allem gearbeitet, von früh bis spät. Ich hatte dort schon mein eigenes Geschäft und viel Verantwortung. Da ist nicht viel Zeit für anderes geblieben. In Deutschland ist das anders. Hier ist es wichtig, auch sein Privatleben zu genießen, Reisen zu machen oder Freunde zu treffen. Das finde ich sehr gut. Ich hatte schon viele solcher schönen Erlebnisse hier. Dazu zählt auch eine Silvesternacht vor ein paar Jahren mit dem Freundeskreis: Um Mitternacht waren wir draußen und haben von einem Berg über Unterbreizbach geblickt, um das Feuerwerk zu sehen. Das war fantastisch.
Virasinee Heerdegen (50) lebt in Unterbreizbach und führt dort eine Praxis für traditionelle Thai-Massage und Fußpflege. Ihr Geschäft ist beliebt im Ort, darauf ist sie besonders stolz. Außerdem hat sie ein neues Hobby entdeckt: Sie ist inzwischen leidenschaftliche Anglerin.