von Buenos Aires (Argentinien) nach Thal

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Der Weg: Ich glaube an Bestimmung – es kommt, wie es kommen soll. Als ich mit 30 Jahren noch in Buenos Aires gelebt habe, bin ich gern in die Disco gegangen. An einem Samstagabend habe ich dort meinen heutigen Mann getroffen. Er war aus Deutschland für ein Arbeitsprojekt in Argentinien zu Gast. Und wir haben uns kennen- und lieben gelernt. Ich hatte gerade mein Jurastudium abgeschlossen und war bereit für etwas Neues. Und musste gar nicht überlegen: Ich kam mit zu ihm nach Hause, nach Thal – wo wir seit Mitte der 1990er-Jahre zusammenleben.
Die Ankunft: Es war Hochsommer in Argentinien, und ich kam nach Deutschland – bei minus 17 Grad – in die Rennsteigregion. Das war schlimm, das Wetter ein Schock. Aber der einzige, denn alles andere war schön. Ich konnte kein Wort Deutsch, als ich ankam, und habe mit meinen Schwiegereltern mithilfe kleiner Notizzettel kommuniziert. Man musste eben so zurechtkommen. Anfangs gab es immer Klöße, jeden Sonntag. Für mich war das gewöhnungsbedürftig. Bald wurde ich schwanger, und das war das Zeichen für uns, dass wir uns hier niederlassen und bald ein Haus bauen würden.  
Identität: Deutsche oder Argentinierin? Ich bin beides. Deutsche, weil ich sehr viel hier gelernt habe. Ich habe meinen Führerschein gemacht, Schwimmen gelernt, Arbeit gefunden. Ich habe immer das Glück gehabt, dass die Dinge zu mir gekommen sind. Anfangs habe ich mit Spanisch-Unterricht bei der Volkshochschule ausgeholfen, heute unterrichte ich Spanisch an der Dualen Hochschule Gera- Eisenach und Deutsch als Zweitsprache an der Berufsschule in Eisenach. Ich habe mehrere Jahre ehrenamtlich Geflüchteten Deutschunterricht gegeben – weil ich mich auch mit diesen Menschen identifiziere und etwas zurückgeben wollte von allem, was ich hier bekommen habe. Wenn ich in Argentinien bin, bin ich Argentinierin. Und ich erhalte mir diese Kultur auch hier zu Hause. Bei Arbeiten im Haus oder beim Autofahren höre ich spanische Musik, immer. Weil sie gefühlvoll ist. Ich habe das Bild einer argentinischen Flagge auf dem Autodach. Und das beste Essen ist Fleisch – gerne ein ordentliches Steak – mit Salat. Wie in Argentinien. Da bin ich glücklich, und ich brauche auch keine Kartoffeln dazu.  
Argentinien: Da ich allein nach Deutschland kam, sind meine Mutter und Schwester, mein Schwager, meine Neffen und so viele Freunde auch heute noch in Argentinien. Und vor allem: Eine ganze Menge Erinnerungen und Gefühle sind noch da. Ich fliege regelmäßig hin – und bleibe so lange wie möglich. Urlaub ist das nicht, denn ich will alle Leute besuchen, aber meine Liebsten wohnen nicht alle nah beieinander. Argentinien ist ein großes Land, ich muss dort also viel reisen. Manchmal bis zu 1200 Kilometer.  
Heimat: Heimat ist zum einen da, wo ich geboren bin, wo meine ersten Gefühle und Erinnerungen liegen. Wenn ich Argentinien heute besuche, treffe ich manchmal Freunde, die ich jahrelang nicht gesehen habe. Aber wenn wir uns unterhalten, fühlt es sich an, als hätten wir uns erst gestern getroffen. Dieses Gefühl, dass du mit diesen Menschen verbunden bist – auch das ist Heimat. Aber: Was die Lebenswelt angeht, fühle ich mich auch in Deutschland beheimatet. Pünktlichkeit etwa war mir schon immer wichtig und auch das Gefühl von Sicherheit, das ich hier habe. Das ist in Argentinien heute schwerer zu finden. Und: Mein Mann, Sohn, Enkel und die Schwiegereltern sind hier. Familie - das ist eben auch Heimat.  
Erfahrungen: Ich habe mich hier nie fremd gefühlt. Und bin nie diskriminiert worden. Alle haben mich sehr gut aufgenommen und mit offenen Armen empfangen: die Schwiegerfamilie, der Freundeskreis meines Mannes. Aber weil ich selbst nie negative Erfahrungen gemacht habe, heißt das nicht, dass es so etwas nicht bei anderen Migranten gibt: Einer Bekannten, die Germanistik studiert hat, perfekt Deutsch spricht und super integriert ist, wurde offensichtlich nur wegen ihres andersklingenden Nachnamens eine Mietwohnung verwehrt. So etwas ist schon sehr verwunderlich. Schwierig war für mich eigentlich nur eins: Die Geburt meines Sohnes hier. Denn da habe ich mich sehr allein gefühlt. Wenn man in Argentinien ein Kind bekommt, ist das ein Großereignis für die gesamte Familie. Mutter und Schwestern sind die ganze Zeit bei dir – selbstverständlich auch im Krankenhaus. Diese Intimität hat mir gefehlt. Und es war sehr ungewöhnlich für mich, neben fremden Menschen im Krankenhausbett zu liegen, niemanden von der Familie bei mir zu haben. Mein Mann konnte nicht bei mir bleiben nach der Geburt. Dinge, die für die Menschen in Deutschland vielleicht nicht ungewöhnlich sind. Mich haben sie aber betrübt. Weniger schlimm, aber kurios, war die Erfahrung im Kindergarten. Die Erzieherin gab unserem Sohn morgens die Hand und begrüßte ihn mit einem „Hallo“. In Argentinien läuft das ganz anders: Da werden die Kinder zur Begrüßung geknuddelt und geknutscht ohne Ende.

Laura Garmendia-Bartholdy (57) aus Thal arbeitet als Dolmetscherin, Übersetzerin und Lehrerin für Spanisch an der Dualen Hochschule Gera-Eisenach und der Berufsschule Eisenach. Die studierte Rechtsanwältin ist in der Großprovinz Buenos Aires nahe der gleichnamigen Hauptstadt geboren und aufgewachsen. Sie liebt den Blick vom Balkon ihres Hauses und ist sicher: Wenn man nicht so viel über die Dinge nachdenkt, trifft man eine gute und richtige Entscheidung.
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