Vergangenheit: Eigentlich habe ich zwei Migrationsgeschichten. Denn ich wurde in Magdeburg geboren, kam also bereits als Deutsche zur Welt. Mein Vater hatte in der DDR studiert und meine Mutter dort kennengelernt. Ich war fünf Jahre alt, als sein Aufenthalt endete und unsere Familie zusammen in sein Heimatland Jemen ging. Dort wuchs ich auf.
Integration: Anfangs sprachen wir zusammen noch Deutsch. Als sich meine Eltern später trennten, veränderten sich die Dinge. Meine Mutter blieb in Jemen, heiratete erneut und lernte die Sprache des Landes, jemenitisches Arabisch. Das sprachen wir dann auch zu Hause. Ich habe als Kind den Integrationsprozess meiner Mutter genau verfolgt: Sie begann, als Lehrerin zu arbeiten, konvertierte zum Islam, änderte entsprechend ihren Namen und kleidete sich, wie es Frauen in der Region traditionell tun. Auch das Kopftuch gehörte dazu. Kleine kulturelle Eigenheiten hatte sie sich dennoch aus ihrer Heimat DDR erhalten und uns mit auf den Weg gegeben – etwa das Einhalten einer Hausordnung inklusive Treppe putzen. Obwohl es in Jemen so etwas wie Hausordnungen nicht gab.
Abschied: 2011 brach in Jemen der Bürgerkrieg aus, nachdem sich die politische Situation immer mehr verschlechtert hatte. In der Stadt, in der meine Mutter arbeitete, war die Terrorgruppe Al-Qaida unterwegs. Einer der Söldner, ein Schulkamerad meines Bruders, gab uns zu verstehen, dass meine Mutter in Gefahr sei. Weil sie einer der letzten verbliebenen Ausländer war. Es hieß, sie könnte ermordet werden. Also kehrten wir 2013 zusammen zurück nach Deutschland. Ich reiste mit meinem deutschen Pass ein und hatte nun – viele Jahre später zurück in Deutschland – meine eigenen Kinder dabei.
Identität: Meine Mutter hat damals alles getan, um anerkannter Teil der jemenitischen Gesellschaft zu sein – und doch blieb sie immer eine Fremde. Das hat mich sehr geprägt. Ich denke heute, dass man sich mit seiner Identität, egal, wie diese aussieht, in eine Gesellschaft integrieren kann. Ich fühle mich als Jemenitin, auch wenn ich Deutsche bin. Ich trage ein Kopftuch und traditionelle Kleidung. Ich habe bewusst entschieden, nicht wie meine Mutter zu handeln – mich also nicht zu assimilieren, sondern zu integrieren. Denn das ist ein bedeutender Unterschied.
Neustart: Wir mussten in Jemen alles verkaufen, damit wir die Flugtickets nach Deutschland zahlen konnten. Auch den Bus, mit dem mein Bruder Passagiere transportierte und Geld verdiente. Und die Kämpfe sowie die Tatsache, dass wir gezwungen waren, diese Heimat zu verlassen, nahmen uns alle sehr mit. Als wir ankamen, gab es das Deutschland, das mei- ne Mutter kannte, nicht mehr. Die DDR war seit mehr als 20 Jahren Geschichte. Deshalb war es besonders für sie schwer. Nach der langen Zeit in Jemen fand sie sich hier zunächst kaum zurecht und konnte uns – also ihren inzwischen erwachsenen Kindern – kaum helfen. Wir hatten einen Bekannten in Eisenach, der uns eine Wohnung verschaffte, in der wir die ersten Monate sehr spärlich verbrachten, ohne Möbel. Wir lebten in einfachen Verhältnissen und waren mit wenig zufrieden. Schließlich kamen wir aus einem vergleichsweise armen Land und waren dort auch keine reichen Leute.
Neue Heimat: Eisenach ist heute unsere Heimat. Und genauso erhalten wir uns hier die jemenitische Kultur: Wir kochen arabisches Essen, spielen jemenitische Musik und tanzen. Wir feiern die zwei großen traditionellen religiösen Feste des Islams, das Opferfest und das Zuckerfest. Wir treffen auch andere arabische Familien, verbringen Nachmittage zusammen und essen gemeinsam. Frauen aus Syrien oder dem Irak sind dabei – es ist eine vielfältige Gesellschaft, wir verstehen uns gut. Außerdem wohnen meinen Geschwister hier mit ihren Familien und wir treffen uns regelmäßig.
Erfahrungen: Die schönste Erfahrung ist, dass ich hier Arbeit gefunden habe. Ich hatte anfangs Angst, dass das schwierig wird, wegen des Kopftuchs. Besonders in Thüringen, wo es vergleichsweise wenige Migranten gibt. Ich kenne Frauen, die deswegen keinen Job bekommen haben. Ich kenne Familien, die von hier weggezogen sind, weil sie sich unwohl fühlten. Alltagsdiskriminierung ist ein reales Problem. Ein Mann sprach mich einmal auf der Straße an und fragte – offensichtlich wegen meines Kopftuches –, ob wir hier im Mittelalter lebten. Ein anderer hat gespuckt. Auch abschätzige Blicke und Schimpfwörter bekommt man oft ab. Sehr bewegend war für mich auch die Mitarbeit an dem Projekt „Buchenwald. Ein Audiowalk“: Junge Erwachsene mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen haben sich dazu mit der Geschichte Buchenwalds auseinandergesetzt und Hörbeiträge entwickelt, die Gedenkstättenbesucher vor Ort nutzen können.
Sehnsucht: Unsere Familiengeschichte interessiert meine Kinder sehr. Meine Tochter war sechs Jahre alt, als wir herkamen – also fast genauso alt wie ich, als ich nach Jemen zog. Heute fragen sie mich oft nach dem Krieg dort und wie es ihrem Opa geht, denn er lebt nach wie vor in Jemen. Und das Land wieder zu besuchen und den Rest unserer Familie wiederzusehen, ist ein Traum. Allerdings ein ferner. Denn Flugtickets sind teuer und die politische Lage ist nach wie vor sehr instabil, sodass eine Reise gefährlich wäre. Wieder ganz dorthin zurückkehren würden wir nicht mehr. Wir haben uns inzwischen an Deutschland gewöhnt, an die Arbeitswelt, das Schul- und Gesundheitssystem. Ich denke dabei vor allem an meine Kinder. Hier haben sie es gut.
Miranda Mureibish (42) lebt in Eisenach und ist Projektdozentin. Sie qualifiziert Menschen dazu, als Sprach- und Integrationsmittler arbeiten zu können. In dem Rahmen unterrichtet sie die Fächer Sozialwesen und Migration. Nebenbei ist sie als Dolmetscherin tätig.