von Hanoi (Vietnam) nach Bad Liebenstein

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Neuanfang: Mit 18 Jahren kam ich nach Deutschland und hier in die Region. Damals bin ich zusammen mit meiner Mutter meinem Vater hinterhergereist. Er war schon hier, um zu arbeiten. Am Anfang war in Deutschland sehr vieles schwer für mich: Ich konnte die Sprache nicht, habe zudem all meine Freunde in Vietnam zurücklassen müssen. Und das Leben hier ist ein anderes. In Vietnams Hauptstadt Hanoi ist es heiß und quirlig. Die Türen der Nachbarn in der gesamten Straße stehen immer offen. Wir Kinder konnten einander besuchen kommen, wann und bleiben, solange wir wollten. Alle spielten zusammen auf der Straße, es war immer viel los. Als ich hier in der Region ankam, herrschte Winter. Es war Januar, überall lag Schnee. Es war sehr kalt und wurde schon am Nachmittag dunkel. Das wirkte zunächst sehr traurig. Aber ich habe zugleich von Anfang an gewusst, dass wir hierbleiben werden. Darauf habe ich mich konzentriert. In der Volkshochschule lernte ich allmählich Deutsch und kam dann in die Schule. Wegen der Sprachbarriere allerdings zunächst in die 8. Klasse. Auch damit umzugehen, war anfangs zwar schwer, schlimm war es aber nicht. Schritt für Schritt bin ich meinen Weg gegangen.
Deutschland: Ich lebe insgesamt nun schon länger hier als in Vietnam. Ich würde schon sagen, dass ich ein Teil von Deutschland bin. Fremd fühle ich mich nicht mehr hier, sondern sehr wohl. Das habe ich auch gemerkt, als wir das letzte Mal Vietnam besucht haben: 2015 fuhren wir zum Dorf meiner Frau. Die Familie lebt auf dem Land, die Reise war beschwerlich, das Klima machte uns zu schaffen. Es war anstrengend und stressig, auch weil wir unsere kleinen Kinder dabeihatten. Auch den Trubel von Hanoi kann ich nicht mehr lange aushalten. Wenn ich ehrlich bin, habe ich selbst im vergleichsweise ruhigeren Berlin nach ein paar Tagen genug. Hier im Wartburgkreis – im Grünen – dagegen fühle ich mich inzwischen am wohlsten.
Erfahrungen: Ich war mal mit Freunden unterwegs in Leipzig. Dort haben wir in einem Park Fußball gespielt – auch Asylbewerber waren dabei. Einer von ihnen stürzte und verletzte sich schwer am Fuß. Er war „illegal“ hier, hatte keine Papiere. Als die Sanitäter kamen, nahmen sie ihn trotzdem mit, um ihn zu versorgen – ohne zu fragen. Nach dem Motto: Erst mal helfen, alles andere klären wir später. Das war eine schöne Erfahrung. Aus meiner alten Heimat kenne ich das anders. Wenn dir dort so was passiert und du kein Geld einstecken hast, hilft dir wahrscheinlich niemand. Ich denke grundsätzlich, dass einem Deutschland vieles bietet. Wenn man arbeiten und lernen möchte, dann bekommt man auch die Chance dazu. Als Migrant fällt mir das besonders auf. Du kannst hierbleiben, die Sprache lernen und auch einen Beruf. Vor allem sind die Dinge klar geregelt: Alles lässt sich meist erklären und nachvollziehen. Und wenn mal etwas nicht geht, werden Gründe dafür genannt. Will ich einen Antrag stellen und fehlt ein Dokument, dann muss ich es eben noch besorgen. In Vietnam ist vieles anders, was Arbeiten, Studieren und Lebenschancen angeht: Wenn du zwar unbedingt willst, aber kein Geld hast, geht es eben nicht. Selbst, wenn du gut bist. Das ist leider auch ein Grund, warum viele junge Menschen auswandern und das Land dauerhaft verlassen. Eine schwierige Erfahrung war es anfangs, hier in der Schule das einzige „fremde“ Kind zu sein – also einfach „anders“ zu sein. Weil es insgesamt sehr wenige Ausländer gab. Ich habe die Ablehnung durchaus gespürt, manche Kinder waren nicht nett. Aber: Viele andere wiederum haben mir auch sehr geholfen.
Kultur: Ich betreibe mein eigenes Restaurant in Bad Liebenstein mit Spezialitäten aus Südost- und Ostasien. Meist habe ich den ganzen Tag zu tun, sodass nicht viel Freizeit bleibt. Aber: Die Familie ist dafür hier beisammen, alle arbeiten mit. Wenn ich abends Zeit habe, schaue ich vietnamesische Filme, lese Bücher und höre Musik aus der alten Heimat. Und selbstverständlich spielt das Essen eine große Rolle. Wir beziehen viele unserer Lebensmittel direkt aus Asien, das Essen muss authentisch und qualitativ hochwertig sein, darauf lege ich großen Wert. Wobei ich auch von Anfang an in die deutsche Esskultur eingetaucht bin. Die Unterschiede sind groß und mitunter amüsant. Ich konnte anfangs hier zum Beispiel kein Sprudelwasser trinken. Das ist etwas typisch Deutsches, das ich überhaupt nicht kannte und mir komisch vorkam. Inzwischen sind wir es längst gewohnt. Eine weitere wichtige vietnamesische Tradition ist ein kleiner Schrein am Eingang unseres Restaurants, mit dem wir unserer Ahnen gedenken. Alle Besucher kommen an ihm vorbei, wenn sie in unser Restaurant kommen.

Nguyen Tien Hai (39) ist Gastronom und betreibt ein Restaurant in Bad Liebenstein. Er hat zuvor
an verschiedenen Orten in Deutschland Zeit verbracht, Kochen gelernt und sich fortgebildet, weil er in seinem Essen auch das Lebensgefühl der alten Heimat wiedergeben möchte. Sein Lieblingsessen ist, wie schon seit der Kindheit, Pho – eine traditionelle vietnamesische Nudelsuppe.
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