Die Flucht: Wir sind mit der ganzen Familie nach Deutschland gekommen. Neben uns waren das noch zwei Brüder, eine Schwester, Mutter und Vater. 2014 war das – nach einer sehr langen und kräftezehrenden Reise. Wir hatten nicht vor, zu flüchten. Drei Jahre, bevor wir herkamen, fing der Bürgerkrieg in Libyen an. Mein Vater arbeitete als Schweißer. Es gab nicht viele Jobs, weil Krieg war. Also war er froh, überhaupt etwas Geld verdienen zu können. Es herrschte Chaos. Dann wurde er mit Reparaturen in einem Gefängnis beauftragt – besser gesagt: dazu gezwungen. Was dort geschah in den Wirren des Krieges, wusste er nicht. Aber Freunde sagten, es könnte ihm zum Verhängnis werden. Man könnte ihn dafür belangen, weil er an diesem Ort war. Niemand konnte ihm oder uns in der Situation helfen, denn es gab keine funktionierenden Polizeibehörden, an die wir uns wenden konnten. Die Unsicherheit wurde immer schlimmer: Der Schulbus, in dem wir beiden Schwestern saßen, wurde immer wieder von patrouillierenden Islamisten gestoppt. Sie forderten uns als Mädchen auf, nicht zur Schule, sondern nach Hause zu gehen. Einmal sagte einer, das sei jetzt die letzte Mahnung – sonst würden wir weggebracht. Aber selbstverständlich wollten wir lernen und nicht zu Hause bleiben. Unser großer Traum ist schließlich immer gewesen, Medizin zu studieren.
Der Weg: Als die Familie in einer Nacht zusammensaß, kam Vater von der Arbeit nach Hause und sagte, er habe große Angst, dass ihm etwas passieren könnte, wenn er noch einmal dorthin geht. Also entschieden wir uns, zu gehen. Wir wussten aber nicht, wohin. Wir verließen unsere Wohnung im Dunkeln und fuhren durch Bengasi mit dem Auto zur Küste. Dort lag ein kleines Boot im Wasser: 300 Leute, drei Etagen, von Schleusern organisiert. Selbstverständlich hatten wir Angst – Vater wollte uns sogar wieder zurückbringen. Aber die Schleuser sagten: Es gibt kein Zurück mehr. Weil wir die Anlegestelle und die Menschen gesehen hatten, wussten wir bereits zu viel. Drei Tage trieben wir in dem Boot auf dem Meer, dann erreichten wir italienische Gewässer vor der Insel Lampedusa. Das Boot war am Ende, ein Öltanker, der dort unterwegs war, rettete uns schließlich. Mama sagte dann, wir sollten weiter nach Deutschland, weil es dort Bekannte gab. Wir fuhren mit dem Zug, ohne Ausweise oder Ticket. Die Polizei hat uns unterwegs auch kontrolliert. Aber wir kamen an.
Heimat: Libyen ist zwar das Land, aus dem wir kommen, aber nicht unser Heimatland. Wir sind Palästinenser – und somit auch in Libyen immer „Ausländer“ gewesen. Die Eltern meiner Mutter sind 1947 aus Palästina zuerst nach Ägypten und später nach Libyen geflohen. Wir Geschwister wurden alle in Libyen geboren. Aber Palästina ist unsere Heimat, selbst wenn wir noch nie dort waren. Wir haben deshalb aber auch nie erfahren, was genau Heimat eigentlich ist. Denn wir sind überall immer nur die Flüchtlinge gewesen. Auch hier in Deutschland. Aber vielleicht kann man es so sagen: Wo ich bin, ist Heimat.
Deutschland: Nach mehreren Stationen in Flüchtlingsheimen kamen wir schließlich nach Wiesenfeld bei Geisa. Ein kleines Dorf, in das sich besonders meine Eltern verliebt haben. Weil es so grün und friedlich ist. Wir hatten sehr nette Menschen um uns herum, Nachbarfamilien, mit denen wir uns angefreundet haben und die uns sehr geholfen haben. Noch heute fahren wir gern hin und besuchen sie. Schwierig war aber unsere Wohnsituation dort. Wir waren zwar in einem schönen Haus und sehr dankbar dafür. Da es aber sehr groß war, sollte es weiter ausgelastet werden: Drei wahrscheinlich ebenfalls asylsuchende Albaner wurden mit einquartiert, wir mussten uns ein Bad und eine Küche teilen. Für uns als Familie mit Kindern war das sehr belastend, es gab keine Rückzugsräume. Später haben uns die Behörden erlaubt, nach Bad Salzungen zu ziehen, damit unser kleiner Bruder eine Förderschule besuchen konnte. Die Flucht hat extreme Spuren bei ihm hinterlassen. Seitdem sind wir hier.
Bürokratie: Unsere Asylanträge sind mehrfach abgelehnt worden, wir werden also derzeit nur geduldet. Behördengänge waren insgesamt sehr herausfordernd für uns: Unsere Eltern wurden aufgefordert, Dokumente aus Libyen und Ägypten vorzulegen. Bekommen haben sie diese aber gar nicht, weil diese Behörden wiederum sagen, wir seien als Palästinenser nicht Bürger dieser Staaten. Wir Schwestern durften anfangs in Deutschland auch keinen Deutschkurs besuchen – wohl ebenso weil wir aus Palästina sind und nicht anerkannt werden konnten.
Zukunft: Unsere unklare Zukunft ist eine große Belastung. Wir haben schon öfter nicht ruhig schlafen können, weil sich die Gedanken nur darum drehen, wie es morgen weitergeht. Wir stehen unter Druck, unsere Ausbildung zu schaffen, weil das essenziell ist, um bleiben zu dürfen. Es war sehr riskant, Libyen zu verlassen ohne Plan. Aber besser, als zu bleiben und unser Leben zu riskieren. Nun sind wir hier und leben im „Zwischendrin“. Das, was wir uns am meisten wünschen, ist aber Normalität. Ein Leben ohne Ungewissheit, ohne Stress. Wir würden gern einmal verreisen, vielleicht in die Schweiz – dürfen das aber in dieser Situation nicht.
Herausforderungen und Erfolge: Manchmal fühlen wir uns noch sehr fremd hier. Das war vor allem anfangs so, als wir noch kein Deutsch konnten, nichts verstanden haben und manche Leute hier dann obendrein auch noch Platt gesprochen haben. Da wollten wir weg, wieder nach Hause. Denn Sprache hat sehr viel mit Heimat zu tun. Weil wir am Anfang auch keine Freunde hatten, fühlten wir uns zudem sehr einsam. Das Beste, was uns dann aber hier passierte, waren die Ausbildungsplätze im Krankenhaus – denn wir wollten schon immer Medizin studieren. In Libyen konnten wir das nicht und holen jetzt alles nach. Wir schrieben Bewerbungen, machten Praktika, lernten Deutsch. Als die Zusage kam, waren wir überwältigt.
Identität: Weil wir als Musliminnen das Kopftuch getragen haben, spürten wir viel Ablehnung – direkt und indirekt. Eine Frau hat uns einmal zu verstehen gegeben, es zu tragen, sei hier nicht gewünscht. Und wir dachten daraufhin, man dürfe in Deutschland gar kein Kopftuch anziehen. Später verstanden wir, dass man es selbstverständlich tragen darf. Wir ziehen es inzwischen nicht mehr an. Aber nicht, weil Menschen uns deswegen diskriminiert haben. Sondern, weil es unsere freie Entscheidung war. Die Familie von Vater ist noch immer in Libyen, aber wir haben kaum noch Kontakt. Die restlichen Verwandten von Mutter sind inzwischen in Deutschland. Das Wichtigste ist, dass wir als Familie zusammenhalten. Wir kochen gemeinsam arabisches Essen und sind immer beieinander. Oft denken wir auch an Libyen. So viele Freunde sind noch da. Und wir machen uns Sorgen. Wir schreiben ihnen ab und zu Nachrichten, wie es ihnen geht. Manchmal kommt eine Antwort erst nach einem Monat – weil es so lange keine Netzverbindung gab.
Die Schwestern Sali und Samiha Ahmed (25, 24) arbeiten als Auszubildende in der Gesundheits- und Krankenpflege im Klinikum Bad Salzungen. Sie haben inzwischen eine eigene Wohnung, besuchen aber die Eltern und Geschwister ganz oft. Beide tanzen gern und haben Kuchendesign als Hobby entdeckt.